Medizinstudium: “Es gibt Phasen, in denen man auch mal Tage durchlernen muss”

Du überlegst, Medizin zu studieren, hast aber noch viele offene Fragen rund ums Studium? Wir haben uns für dich mit einem Medizin-Absolventen unterhalten, der dir wissenswertes rund um den Aufnahmetest, Studienaufbau und Prüfungen erzählt.

In vielen Kreisen zählt das Medizinstudium zu den schwierigsten Studiengängen in Österreich. Schon alleine der MedAT, der Aufnahmetest, ist berühmt-berüchtigt und von vielen gefürchtet. Wir haben mit Medizin-Absolvent Clemens Baumann gesprochen, der uns wichtige Fragen rund ums Medizinstudium beantworten und mit klischeehaften Vorurteilen aufräumen kann. Was er über das Studium zu sagen hat, kannst du in unserem Interview mit ihm nachlesen. 

Wie läuft das Aufnahmeverfahren ab?

Das Aufnahmeverfahren ist jedes Jahr aufs Neue ein riesiges Spektakel. In Graz alleine haben sich in den letzten Jahren immer über 2000 Interessent*innen für den MedAT beworben, von denen schlussendlich nur die besten 346 einen Platz fürs Humanmedizin-Studium ergattern können. Grundlegend besteht der Test aus Fragen zu Basiskenntnissen (Biologie, Physik, Chemie, Mathematik), Textverständnis, kognitiven Fähigkeiten und sozial-emotionalen Kompetenzen. Dabei sitzt man dann gut fünf Stunden samt einer Halbzeitpause mit den anderen Bewerber*innen in einer großen Halle und gibt sein Bestes. Danach muss man ein bis zwei Monate auf das Ergebnis warten.

„Der prägendste Teil in der Vorklinik war für mich der Sezierkurs.“

Welche Inhalte lernt man im Laufe des Studiums?

Grob lässt sich das Studium in die Vorklinik und die Klinik sowie das Klinisch-raktische Jahr einteilen. Während der Vorklinik erfährt man alles über physikalische und chemische Grundlagen, verschiedenste Vorgänge im Körper sowie bereits überblicksmäßig über Krankheiten und deren Behandlung. 

Ist während der Vorklinik irgenwas besonders hängen geblieben?

Der prägendste Teil in der Vorklinik war für mich der Sezierkurs. Dabei lernt man durch Körperspender*innen, also Personen, die sich freiwillig nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung stellen, über die Anatomie des Menschen. 

Was passiert in der Klinik?

Nachdem die letzten Prüfungen der Vorklinik geschafft sind, lernt man in der Klinik über diverse Fächer der Medizin, wie Chirurgie, Innere Medizin, HNO, Allgemeinmedizin und Kinderheilkunde. In dieser Zeit absolviert man dann auch Praktika an den jeweiligen Stationen. Generell müssen während des gesamten Studiums insgesamt 12 Wochen selbstorganisierter Praktika (sog. Famulatur) absolviert werden. 

„Ein Nebenjob geht sich meiner Meinung nach auf jeden Fall aus – auch im medizinischen Bereich gibt es einige Angebote.“

Und nach der Klinik?

Nach der Klinik folgt dann noch das sogenannte Klinisch Praktische Jahr (KPJ), bei dem man innerhalb eines Jahres durch die wichtigsten medizinischen Fachrichtungen rotiert und ähnlich wie bei einer Famulatur bereits selbst praktische Erfahrungen sammeln kann.

Wie hoch ist der Lernaufwand? Geht sich ein Nebenjob aus? (Vielleicht auch schon im Medizinbereich?)

Der Lernaufwand gestaltet sich sehr unterschiedlich. Es gibt Phasen, in denen man auch einmal Tage durchlernen muss und andere, die weit weniger stressig sind. Ein Nebenjob geht sich meiner Meinung nach auf jeden Fall aus – auch im medizinischen Bereich gibt es einige Angebote. Ich selbst habe während des Studiums etwa als Langzeit EKG Auswerter gearbeitet und dabei auch einige Erfahrungen sammeln können. Wichtig bei einem Nebenjob ist aber auch, dass Stunden bis zu einem gewissen Maße flexibel eingeteilt werden können, gerade um lern- und zeitintensive Phasen des Studiums zu überbrücken.

Wie ist das Studium aufgebaut? 

In Graz ist das Studium nach einem Modulsystem aufgebaut. Dabei bekommt man zudem jedes Semester den Stundenplan zentral geregelt und vorgeplant, was wiederum eher an eine FH erinnert. Die verschiedenen Module laufen der Reihe nach ab, am Ende gibt es immer eine Abschlussprüfung, die bei Nicht-Bestehen aber auch zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden kann. Am Ende der Vorklinik müssen dann aber alle Module positiv absolviert werden, um in die Klinik aufzusteigen. In der Klinik gilt dann wieder das gleiche, um das KPJ absolvieren zu können. Am Anfang und am Ende des KPJ gibt es dann noch eine Abschlussprüfung, die sogenannte OSCE.

Was findest du am besten am Medizinstudium? 

Die Vielseitigkeit der Dinge, die man während des Studiums lernt. Natürlich findet man nicht immer alle Lerninhalte interessant, aber trotzdem fand ich es sehr spannend, dass man im Laufe des Studiums einen Einblick über sehr viele verschiedene Bereiche der Medizin bekommt.

Der ehemalige Medizin-Student Clemens Baumann
Medizin-Absolvent Clemens Baumann

Welche Skills sind hilfreich fürs Medizinstudium? 

Meiner Meinung nach ist es während des Studiums sehr hilfreich, sich für viele Sachen zu interessieren. Das mag jetzt zwar banal klingen, aber natürlich fällt es einem leichter, eine bestimmte Materie zu verstehen, wenn man wirklich Interesse dafür aufbringen kann und die Inhalte nicht nur stumpf auswendig lernt. In diesem Sinne finde ich auch, dass es wichtig ist, öfters einmal Eigeninitiative zu ergreifen und Informationen durch Recherche im Internet oder Büchern zu erlangen und nicht nur die offiziellen Unterlagen der Uni zu studieren, um Inhalte nachhaltig zu verstehen. In manchen Phasen des Studiums braucht man außerdem auch einen gewissen Grad an Durchhaltevermögen, da man sich manchmal doch durch ziemliche Mengen an Lernstoff arbeiten muss.

Was würdest du ändern?

Zum einen die Struktur einiger Prüfungen. Während meiner Studienzeit wurden viele Prüfungen im Multiple- oder Single-Choice Format abgehalten, wobei die Fragen teilweise hochspezifisch gestellt wurden und weniger auf Verständnis als auf Detailinformation ausgerichtet waren. Das Curriculum der Uni wurde in den letzten Jahren aber stetig verändert und auch die Prüfungen werden meines Wissens laufend angepasst. Zum anderen wurden wichtige Skills wie etwa die Befundung von Röntgenbildern oder Untersuchungen mittels Ultraschall nur marginal thematisiert und nur sehr kurz praktisch geübt. Da hätte ich mir teilweise mehr gewünscht.

Das Klischee, dass die meisten Medizinstudent*innen Arztkinder sind und irgendwann einmal die Praxis ihrer Eltern übernehmen, kann ich so nicht unterschreiben.

Mit welchen Vorurteilen gegenüber dem Medizinstudium würdest du gerne aufräumen? 

Oft hört man, dass das Medizinstudium eines der schwersten Studien ist und man die ganze Zeit nur lernen muss. Ja, manche Phasen sind sehr intensiv und man muss tatsächlich auch Tage lang durchlernen, hat dann zu anderen Zeiten aber auf jeden Fall auch genug Zeit, um das Studileben zu genießen – so wie bei anderen Studienrichtungen auch. Außerdem entfallen die gefürchteten STEOPs als Knock-out-Prüfungen, da ja bereits mit dem MedAT ausselektiert wurde. 

Auch das Klischee, dass die meisten Medizinstudent*innen Arztkinder sind und irgendwann einmal die Praxis ihrer Eltern übernehmen, kann ich so nicht unterschreiben. Auch ich und viele meiner Kolleg*innen haben bisher überhaupt keine Verwandten oder Kontakte, die als Mediziner*innen tätig sind – man braucht sich also auch nicht als “Quereinsteiger*in in der Medizin” als Außenseiter*in zu sehen.

Wie sind die Berufsaussichten? 

Grundsätzlich sind die Berufsaussichten sehr gut, Ärzt*innen werden so gut wie immer gesucht. Dennoch kommt es aber natürlich auch darauf an, welche Fachrichtung man einschlagen will und wo man beschäftigt sein möchte. Einen Platz in spezifischen Fächern wie der Dermatologie oder hochspezialisierten Fachrichtungen zu bekommen, ist sicher schwieriger als etwa als Allgemeinmediziner am Land tätig zu werden.

Was willst du Leuten mitgeben, die überlegen, Medizin zu studieren? 

Das Medizinstudium ist ein sehr abwechslungsreiches und vielseitiges Studium, das sehr spannende Inhalte vermittelt. Dennoch muss man sich bewusst sein, dass die Ausbildung sehr lang und phasenweise auch mühsam ist. Nach sechs Jahren Studium ist die Lernerei dann außerdem auch noch lange nicht beendet. 

Im Anschluss an das Studium folgt auf eine 9-monatige Basisausbildung noch eine unterschiedlich lange Fachärzt*innenausbildung oder Ausbildung zum*r Allgemeinmediziner*in, bei der man auch noch viel Zeit mit der Nase in den Büchern verbringt, aber natürlich auch vieles auf praktischem Weg erlernt. 

Man sollte sich außerdem nicht zu sehr durch den Aufnahmetest entmutigen lassen, wenn es nicht gleich beim ersten Anlauf klappt. Ich und viele meiner Kolleg*innen haben den MedAT auch erst beim zweiten Versuch geschafft. 

Medizin vielleicht doch nichts für dich? Dann haben wir auch noch Interviews zu Psychologie und Architektur für dich.

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